Geschichte


Die Ausweitung der Suonen im 15. Jahrhundert


Ab dem 15. Jahrhundert sind die Dokumente ausführlicher. Bauverträge, Reglemente und Gerichtsakten zeigen, dass Bewässerungsprobleme die Landbevölkerung stark beschäftigten.

Wie lässt sich diese erste dokumentierte Verbreitung des Suonennetzes erklären? Die von Pierre Dubuis aufgestellte Hypothese ist faszinierend: Laut ihm, hing die Entwicklung der Bewässerung mit einem Bevölkerungsrückgang und einer Ausweitung der Viehzucht zusammen. Seine Argumentation stützt sich auf solide Grundlagen. Nach einer starken Wachstumsphase über zwei oder drei Jahrhunderte erreicht die Walliser Bevölkerung um 1300 einen ersten Höchststand. Einige Regionen im Rhonetal weisen zu dieser Zeit einen Einwohnerbestand auf, der sich mit jenem des beginnenden 19. Jahrhunderts vergleichen lässt. In dieser „vollen Welt“ deckt das Getreide – insbesondere das Herbstgetreide, das keine Bewässerung braucht – den Bedarf an Grundnahrungsmitteln. Die verhältnismässig bescheidene Aufzucht von Schafen und Rindvieh setzt aber schon eine künstliche Bewässerung voraus, um die Produktion des Futters für die Überwinterung der Herden sicherzustellen.

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts verschlechterte sich die demografische Situation. Die Pest hatte ab 1349 verheerende Auswirkungen. In den untersuchten Gebieten halbierte sich die Bevölkerung innerhalb weniger Jahre oder ging sogar noch stärker zurück. Der Rückgang der Bevölkerung und damit auch der Ernährungsbedürfnisse hatte selbstverständlich Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Produktion und die Verteilung der Anbaukulturen. Alles sieht so aus, als hätten die weniger zahlreichen Menschen , Zugang zu einer reichhaltigeren Ernährung. Pierre Dubuis ortet einen starken Anstieg der Kuhhaltung ab den Jahren 1360 – 1370 in so unterschiedlichen Zonen wie dem Zentralwallis und dem Einzugsgebiet der Dranse.

Getreidefelder, die zu Mähwiesen werden, vermehrte Alpstreitigkeiten und steigender Viehhandel sind Hinweise darauf, dass die Viehzucht stark expandiert.

Um die Produktion des notwendigen Futters für die Überwinterung der grossen Viehherden zu sichern, muss man nicht nur die dafür genutzten Flächen vergrössern, sondern auch deren Ertrag steigern. Da kommt die Bewässerung durch die Suonen ins Spiel. Tatsächlich mehren sich ab 1400 in den Archiven Dokumente zu Suonen.


Savièse, 1930 © Samml. André Spahr, SHVR

Die grossen Suonen des 15. Jahrhunderts


Um das Wasser der oft tief in den Bergen eingekesselten Gletscherbäche mit Suonen heranzuführen, beschliesst die Gemeinschaft den Bau von aussergewöhnlichen Bauwerken. Um nur einige berühmte Beispiele zu nennen: Ausserberg baut 1420 seine „Chänilwasser“; Savièse beschliesst mit Hilfe von Sitten, 1430 die Anlegung des Torrent Neuf, welcher die Wasser der Morge durch die steil abfallenden Wände von Prabé leitet; Vollèges lässt einen neuen Kanal bauen, abgeleitet von der Dranse (1434); in Lens vertrauen die Weiler der Pfarrei 1448 dem Prior Jean Crossard den Bau einer neuen Wasserleitung an; Vex beginnt mit dem Bau seiner „Grand Bisse“ 1453; Orsières mit der ihrigen um 1471. Weitere Beispiele sind der Bau der Suonen von Hérémence 1440, von Ayent 1440 und von Levron 1465…

Die Wassernutzung wird oft auch zum Zankapfel zwischen benachbarten Gemeinden. Am Ende des 15. Jahrhunderts mehren sich die Streitigkeiten um das Wasser. Ein langer Prozess bringt die Gemeinden Siders und Noble Contrée gegeneinander auf, ebenso wie Salgesch und Varen. Savièse und Conthey streiten sich um die Weidennutzung und das Wasser aus dem Tal der Morge. Vollèges liegt mit Bagnes wegen der berühmten Bisse du Levron im Zwist.

Es ist bemerkenswert, wie regelmässig sich das Szenario dieser Kleinkriege wiederholt. Aus wechselnden und nicht immer eindeutigen Gründen glaubt eine Gemeinde mehr Wasser zu benötigen; ihre Bewohner steigen kurzerhand zum nächsten Bach hoch, schlagen einen Teil des Wassers ab und leiten es auf ihre Güter. Meistens lassen sich dies die Nachbargemeinden, ob sie nun tiefer oder am anderen Ufer liegen, nicht gefallen, weil sie die bestehenden Regelungen für unantastbar halten. Eine flugs zusammengestellte Strafexpedition zieht los und zerstört die Wassergräben und Fassungen. Mitunter entstehen dabei blutige Zusammenstösse, die eine Kettenreaktion von Gewalttaten auslösen. Vom Schwächsten angerufen, begibt sich die Behörde auf Platz und klärt die Bedürfnisse beider Parteien ab. Ob in Anlehnung an König Salomon oder aus der Einsicht heraus, dass das Allgemeinwohl Vorrang hat: Man gibt sich alle Mühe, die bestmögliche Verteilung des Wassers festzulegen.

Am Ende des 15. Jahrhunderts wurde Bischof Jost von Silenen ein Meister in der Kunst solche Konflikte zu schlichten. Ob im Fall Tsittoret 1490 oder im Fall Levron 1492 – er entschied immer im selben Sinn und Geist: das Wasser gehört denen, die es nötig haben.

Fortsetzung : Konsolidierung des Ancien Régime


Savièse, 1935 © Charles Paris – MW-Martigny