Geschichte


Auf der Suche nach Erklärungen


Menschliche Errungenschaften, die durch ihre Kühnheit überraschen, siedelt man mit Vorliebe im übernatürlichen Bereich an. Darum haben Volkslegenden den Teufel, die Feen und andere Geister für die Erbauung einiger Suonen verantwortlich gemacht. Mancher Gelehrte liess sich davon beeinflussen und so wurde der Bau der ersten Suonen aufgrund von spärlichen Hinweisen und blossen Hypothesen den Römern, Heiden oder Sarazenen zugeschrieben.

1928 schon macht sich Auguste Vautier lustig über die allgemeine Manie, alles mit den Römern zu erklären. Sobald man in der Vergangenheit auf etwas Unbekanntes stösst, greift man schnell auf den klassischen Ausspruch von Labiche zurück: „Das riecht nach Römern.“ Dem fügt er hinzu: Ich stelle jedoch fest, dass die alten Suonen nicht bloss das Werk von Maurern sind, und dass die Römer keine ausgesprochene Vorliebe für das Hochgebirge hatten.

Die weitverbreitete Meinung, dass die Suonen seit jeher eine unabdingbare Voraussetzung für die Walliser Landwirtschaft waren, lehnt der Walliser Historiker Pierre Dubuis ebenso ab, wie die Theorie des geografischen oder ökologischen Determinismus: Diese geht davon aus, dass die unveränderlichen und stabilen Naturverhältnisse der Alpen dazu führen, dass auch die Kultur der Alpenbewohner unveränderlich stabil bleibt. Das würde bedeuten, dass die „traditionelle Zivilisation“ keine Geschichte hat. Sie hat aber eine!

Wir werden hier keine neuen Theorien hinzufügen. Es ist sinnvoller, die verschiedenen Zusammenhänge aufzuzeigen, die der Geschichte der Suonen zugrunde liegen. Denn der Bau und die Nutzung der Suonen sind nämlich Teil einer Gesellschaft, einer Landschaft sowie einer Wirtschaftsform und einer Zivilisation.

Die Entwicklung der Suonen verlief keineswegs linear. Wie jedes menschliche Werk stehen sie im Zentrum eines Netzwerks von Faktoren und Einflüssen das wenig Raum für Zufälle lässt. Drei Faktoren sind hier besonders wichtig: der Wasserbedarf, die technischen Kenntnisse und die verfügbaren materiellen und personellen Ressourcen.


Baltschieder, Wasserrechts-Konzession für eine Mühle, 1497 © Staatsarchiv Wallis, Gemeinde Baltschieder

Das Geheimnis der Ursprünge


Der Ursprung der Suonen bleibt rätselhaft. Die ersten erhaltenen Dokumente aus dem 13. Jahrhundert belegen nicht nur die Existenz der Suonen, sondern weisen oft auch auf noch ältere Bauwerke hin. Eine neue Suone ersetzt eine frühere, eine alte oder eine Heiden-Suone. Man muss aber, wie Hans-Robert Ammann, Kenner des Mittelalters, bemerkt, die Bezeichnungen „alte Suon“ oder „neue Suon“, die im 14. und 15. Jahrhundert immer häufiger gebraucht werden, mit Vorsicht interpretiert werden, denn eine Bezeichnung ist noch keine Datierung!

Die Erwärmung des Klimas im 12. Jahrhundert und die damalige lange Phase des Bevölkerungswachstums können, wenn nicht die Erfindung, so doch wenigstens die Verbreitung der Suonen vor dem Jahr 1300 erklären.

Fortsetzung: Die Ausweitung der Suonen im 15. Jahrhundert


Saastal, 1905 © Pierre Odier – MW-Martigny