Geschichte


Ausweitung der Suonen im 19. Jahrhundert


Die Suonen-Organisation scheint also gut zu funktionieren, als im 19. Jahrhundert wichtige Veränderungen eintreten und die Suche nach einem neuen Gleichgewicht erforderlich machen, das die Suonen in den Mittelpunkt des Wandels rückt, Hauptgrund ist das immer stärker ansteigende Bevölkerungswachstum im Verlaufe des 18. Jahrhunderts. Das Wallis zählt um 1800 rund 60000 Einwohner, mehr als 80000 um 1850 und 128000 um 1910.

Dieser demographische Druck wirkt sich auf die Verteilung des Bodens und seine Nutzung aus. Die Veränderungen zeigen sich in neuen Anbauverfahren und in der Urbarmachung bislang ungenutzter Böden. Die Entwicklung einer Landwirtschaft, die sich nicht mehr ausschliesslich mit der Selbstversorgung begnügt, führt zu Konflikten. Das ist der Grund dafür, dass die Verbote, Felder und Wiesen in Weinberge umzuwandeln, wieder in Kraft gesetzt werden (Gesetz vom 30. Mai 1808).

In diesem Bereich verfügen die Gemeinden mit dem Wasser eine wirksame Waffe. 1834 zum Beispiel weigert sich Erde bei Conthey, die Wasserrechte einer Privatperson zu verkaufen, die Ackerflächen in Wiesen umwandeln will. Um diesen Entscheid zu rechtfertigen, verschanzt sich die Gemeinde hinter ein Reglement, welches bestimmt: Niemand kann einen Acker zum Nachteil eines Dritten in eine Wiese umwandeln und dafür Wässerwasser beanspruchen.

Doch die Gemeindevorschriften werden in wesentlichen Teilen immer mehr von der kantonalen, dann von der eidgenössischen Gesetzgebung abgelöst, welche die Freiheiten und Rechte des Einzelnen garantieren.

In diesem Zusammenhang haben die Gesetze des Marktes Vorrang vor den jahrhundertealten Vorschriften. Die Ankunft der Eisenbahn – sie erreicht 1857 Sitten – verleiht der Viehzucht einen starken Impuls. Der Export bringt mehr Einnahmen als der Import von Futtermehl kostet. Die Preissteigerung auf dem Markt von Sitten ist enorm. Ab 1850 erleidet der Preis des Roggens eine lang anhaltende Phase des Zerfalls. Aber gleichzeitig erleben die Preise für Fleisch und Viehzuchtprodukte einen Höhenflug. Rindfleisch wird zwischen 1850 und 1860 um 50% teurer, zwischen 1850 und 1870 um 100%.


Saxon, um 1950 © Max Kettel, MV-My

Die wirtschaftliche Revolution


Von amtlichen Stellen gelieferte Informationen bestätigen den voranschreitenden Umbruch in der Landwirtschaft. So hält der Präfekt von Entremont 1858 fest, dass der leichte Absatz von Milchprodukten und die Nachfrage ausländischer Händler nach Vieh erklären, warum unsere Bodenbesitzer darauf abzie- len, die Ackerflächen zu vermindern, um die Wiesenflächen vergrössern zu können.

Doch die Ausdehnung der Wiesen und Weiden hängt immer vom Wasser ab. Die Tatsache, dass Wiesen nur in dem Masse Heu liefern, wie sie bewässert werden, ist umso aktueller, als die relative Erwärmung des Klimas – deutlich sichtbar am beginnenden starken Rückgang der Gletscher – die Auswirkungen der Trockenheit noch verstärkt.

Der Staatsrat stellt 1861 fest: Die künstlichen Weiden mehren sich und ersetzen auf vielen Grundstücken immer mehr den Getreideanbau. Dieser Wechsel in der Landwirtschaft lässt sich vor allem in jenen Gemeinden feststellen, welche neue Aquädukte gebaut oder die bestehenden ausgebaut haben und hat bereits zu einer Zunahme des Viehbestandes geführt.

Die Viehzucht hat Rückenwind. 1850 schätzte man deren Bestand auf 55000 Tiere, 1866 steigt die Zahl auf 62000,1876 sind es 65 000 und 1886 70000 Tiere.

Die Verbesserung und Vergrösserung des Suonennetzes sorgen jedoch für Zwist und Streitigkeiten.

Zwischen 1858 und 1860 scheiden sich in Conthey die Geister und die Dörfer wegen der Bisse de la Zandraz. Eine Reihe trockenheitsbedingter Missernten lässt im Dorf Missmut aufkommen. 1858 sind die Weiden trotz der Bewässerung „verbrannt“; und die unbewässerten Reben tragen nur ausgetrocknete Trauben. Die Dörfer Aven, Erde und Daillon als Besitzer der Bisse weigern sich, das Dorf Premploz, welches vorschlägt, die Suone auf eigene Kosten zu vergrössern, in die Geteilschaft aufzunehmen. Um die Angelegenheit zu regeln, verordnet der Staatsrat, dass die Erweiterung der Suone durch die neu dazuge- kommene Gemeinde so ausgeführt werden soll, dass die Wassermenge verdoppelt und dann zu gleichen Teilen zwischen den vier Gemeinden aufgeteilt werden kann.

Was sich in Conthey abspielt, findet man in zahlreichen anderen Regionen des Wallis. Der Prozess um das Wasser von Louché zwischen Vernamiège und Grône-Chalais dauert von 1863 bis 1870 und wurde vom Historiker Antoine Lugon dokumentiert. Die Suone von Levron wird 1860 vergrössert. Die Gemeinde Saxon beschliesst 1863 den Bau der längsten Suone des Wallis und realisiert das Werk zwischen 1873 bis 1876.


Saxon, um 1950 © Max Kettel, MV-My

Symbole der Modernisierung


Neue Techniken erleichtern die umfangreichen Umbau- und Erweiterungsarbeiten an den Suonen. In der Modernisierungsdebatte spielen die Suonen eine wichtige Rolle. Indem sie Wasser auf die trockenen Felder führen, sind sie mehr als simple Bauwerke zur Regulierung der Ernten. Sie werden zu starken Symbolen für den Willen der Bauern mit ausgeklügelten Techniken den Ertrag ihrer Kulturen zu verbessern.

Es ist darum nicht verwunderlich, dass 1871 das Modell einer Suone zum Herzstück der kantonalen Landwirtschaftsausstellung wird. Diese Präsenz ist, wie Bernard Crettaz deutlich macht, auch zweideutig: Einerseits als Sinnbild der Modernisierung, andererseits als archaisierende Verkleinerung, Symbol für ein altes Land, das im Umbruch begriffen ist. Der eine Aspekt liegt im Widerstreit mit dem andern, beide verstärken sich dadurch gegenseitig. Der eine betont die Modernisierung, der andere baut auf Natur und traditionelle Werte.

Die Verantwortlichen der Ausstellung, wie etwa der Ingenieur Leopold Blotnitzki, Experte des Bundes für die Rhonekorrektion und Verfasser eines Suonen-Inventars im Jahre 1871, sind sich wahrscheinlich der Mechanismen des kollektiven Bewusstseins, die sie damit in Gang setzen, nicht bewusst und nutzen ihre Vorstellung vor allem zur Popularisierung der Landwirtschaft. „Seht her, was eure Vorfahren geschaffen haben“, sagen sie zu den Bauern. Und sie ermuntern sie, sich von deren Leistungen inspirieren zu lassen und die Modernisierung der Landwirtschaft voranzutreiben.

Als erstes eigentliches Inventar der Walliser Suonen ist die Studie von Blotnitzki von grundlegender Bedeutung für das Verständnis des Bewässerungssystems. Darin sind 117 Suonen mit einer Gesamtlänge von 1536 km Kanälen erfasst. Er beschreibt deren Funktionen detailliert und erwähnt jeweils den Verlauf und die Quellen, das Gefälle, die bewässerte Fläche, sowohl für den Ackerbau als auch für den Weinbau,, den Jahreskalender, die Art und Weise und Erfordernisse des Unterhalts, die Daten der Erbauung und der Renovierung, die Naturereignisse, die vorhandenen Urkunden in den Archiven. Der Autor geht anschließend auf die Frage der Finanzen und des Wasserpreises ein, betont die Leidenschaft der Waliser für die kommunale Autonomie, beschreibt die Nutzung der Suonen nach Tagen und Stunden und stellt fest, dass die Techniken zwar primitiv erscheinen, aber sowohl wirtschaftlich als auch landwirtschaftlich interessant und sehr pragmatisch sind.

Die Unterstützung durch die Behörden


Der Bericht von Blotnitzki leitet eine neue Politik der öffentlichen Hand ein. Die kantonalen Behörden sind nicht mehr bloss Schiedsrichter (Schlichter in Konflikten). Sie begnügen sich nicht mehr damit, mit Worten und konkreten Beispielen zur Modernisierung zu fördern. Nach 1885 greifen sie direkt ein, indem sie die Meliorationsarbeiten subventionieren und kontrollieren. Auch wenn, wie Hermann Müller, der verantwortliche Ingenieur des Meliorationsamtes, feststellt, unser Kanton die Bestimmungen des Bundesbeschlusses vom 17. Juni 1884 über Bodenverbesserungen nicht zu nutzen wusste.

Die Entwicklung der Viehzucht wird zu einem Schwerpunkt der Regierungspolitik. Da die Fläche der Weiden und Alpen nicht stark erweitert werden kann, gilt es, die Nahrungsproduktion zu erhöhen, geht es darum, die Produktion zu steigen um einen relativ grossen Viehbestand zu ernähren der mittlerweile bei etwa 70000 Rindern liegt. Die Bodenverbesserung der Alpen ermöglicht es, mehr Tiere zu sommern. Aber auch für den Winter muss die Futterproduktion gesteigert werden. Darum erhält die umfassende Modernisierung der Suonen mit finanzieller Unterstützung des Bundes und des Kantons neuen Schwung.

Seit 1894 gewährt der Bundesrat Subventionen für die Verbesserung öffentlicher Grundstücke und das kantonale Gesetz vom 25. Mai 1900 über die Verbesserung der Alpen erleichtert dieses Verfahren. Die Schaffung des kantonalen Meliorationsamtes 1904 sorgt für eine bessere technische Begleitung aller subventionierten Projekte. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass 1907 ein neues Inventar der Suonen erscheint, erstellt von Fritz Rauchenstein. Der Verfasser, Ingenieur der Walliser Dienststelle, kennt die Suonen bestens. Einen Teil davon ist er abgelaufen, und den Grossteil der Projekte hat er überwacht. Sein Inventar ist zuverlässiger für das Unterwallis als für das Oberwallis und grösser als dasjenige von Blotnitzki. Zusätzlich zu den 10 neuen Suonen, die zwischen 1870 und 1907 gebaut wurden, führt er noch 80 weitere auf. Insgesamt sind 207 von ihm erfassten Suonen 1400 km lang. Und 72 davon sind teilweise gedeckt oder werden durch Tunnels geleitet.

Fortsetzung : Modernisierung der Suonen im 20.-21. Jahrhundert


Sion, um 1930 © Charles Paris, MV-My