Einleitung


Die Suonen als Teil des Kulturerbes


In den Boden gegraben, aufgehängt oder in Felswände gehauen, wie Narben voller Erinnerungen sind die Suonen des Wallis wichtige Zeugen einer Geschichte einer Kultur, einer Zivilisation. Mehr als jedes andere Element des Kulturerbes im symbolisieren sie den Kampf der Waliser um die Kontrolle über das Wasser.

1994 trafen sich Forscher aus den verschiedensten geografischen und wissenschaftlichen Bereichen zu einem internationalen Kolloquium über die Suonen. Drei Tage lang tauschten Historiker, Geographen, Ethnologen und Ingenieure ihre Informationen, Erfahrungen und Hypothesen zum Thema aus. Die Vorträge und Debatten zeigten Forschungsansätze auf, die aus der Problematik der Suonen eine ganze Reihe von Fragen an unsere Vergangenheit aufwerfen Sie machten auch deutlich, wie lückenhaft das Wissen ist und dass es vor allem an allgemeinen Werken mangelt, welche die Suonen und ihre Entwicklung in ihrem geographischen wirtschaftlichen sozialen und kulturellen Kontext verorten.

Das zweite internationale Kolloquium, das vom 2. bis 5. September 2010 in Sitten, Bramois und Savièse stattfand, vertiefte weitere Denk- und Forschungsansätze. Die Referenten aus verschiedenen Fachbereichen ermöglichten es den zahlreichen Teilnehmern, die soziale, kulturelle, politische und wirtschaftliche Bedeutung der Suonen neu zu entdecken und die ausserordentliche Begeisterung für die Suonen zu verstehen, deren Begriff trotz der Walliser Wurzeln Eingang in Wörterbücher und den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden hat. Zwei zentrale Elemente wurden dabei besonders hervorgehoben zum einen das gemeinschaftliche Verwaltungssystem, das der Funktionsweise der Suonen zugrunde liegt: die Geteilschaften und ihre Praktiken werden zu Inspirationsquellen für die Wirtschaftspolitik, zu einer Alternative zur Verstaatlichung oder Privatisierung. Außerdem befasste sich das Kolloquium ausführlich mit der Frage der Aufnahme der Walliser Suonen in der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Wie schon das erste Kolloquium zeigte auch das zweite, wie viel Forschungsarbeit noch zu leisten ist, um die Suonen in all ihren Dimensionen besser zu verstehen.

Die Enzyklopädie der Walliser Suonen erhebt nicht den Anspruch alle Wissenslücken zu beheben; sie will jedoch einen aktuellen Gesamtüberblick über den Stand der Forschung schaffen. Dieses ehrgeizige Ziel ähnelt dem, das Auguste Vautier bereits 1928 verfolgte, als er die Erstellung einer echten Enzyklopädie der Suonen als unerschöpfliche Informationsquelle empfahl. Wir teilen seine Ansicht, dass ein Beschrieb aller Walliser Suonen und deren Begehung von ihrem Ursprung bis zum Ende für eine Einzelperson praktisch unmöglich ist, ohne dafür mehrere Jahre unterwegs zu sein.

Deshalb entstand die Enzyklopädie der Walliser Suonen in Teamarbeit. Auf Grund der Ergebnisse der Kolloquien und eines neuen kantonalen Suoneninventars war es möglich, die von Auguste Vauthier erdachten Forschungsgruppen zu gründen, um die verschiedenen Suonen des Wallis zu entdecken.

Fortsetzung: Der Name des Suonen


Ferpècle, Évolène © Martin Fardey, SHVR, 2006