Geschichte


Modernisierung der Suonen


Der wirtschaftliche Aufbruch des Wallis anfangs des 20. Jahrhunderts wird von umfangreichen Bau- und Ausbesserungsarbeiten an den Suonen begleitet. In den Jahren 1895-1912 werden mehr als sechzig Bewässerungsprojekte eingereicht und ausgeführt. Die Begeisterung erfasst den ganzen Kanton. Mehr als fünfzig Gemeinden sind direkt am Ausbau ihrer Suonen beteiligt.

In der Liste findet man Wasserleiten für ganze Alpen und einige Hektar grosse Weiden, aber auch solch anspruchsvolle, vom Geist der Moderne geprägte Projekte. Um die Weiden des Schwemmkegels von Vollèges mit dem Wasser der Dranse zu bewässern, erfindet man ein neues Pumpsystem: Eine Turbine produziert die notwendige Energie, um eine Wassermenge von 50 l/sek auf eine Höhe von 145 Meter zu pumpen. Die Investition ist mit 96000 Franken für diese Zeit beträchtlich. Einen Teil der Kosten tragen die Eidgenossenschaft und die Gemeinden. Den Eigentümern bleibt dennoch ein Betrag von 40000 Franken. Die Installation lässt sich schwer amortisieren, denn sie ist nur wenige Jahre in Betrieb.

Im Oberwallis stechen zwei Tunnelbauten hervor: der eine vom Nanztal durch das Gebidum nach Visperterminen, der andere durch den Brigerberg nach Ried-Brig.

Sitten wird am stärksten vom Fieber der Modernisierung erfasst. Zwischen 1895 und 1912 werden hier vier Projekte verwirklicht. Eines davon – die Bewässerung von Maragnenaz und Chandoline – ist eine kleine 1419 Franken teure Arbeit. Die andern hingegen sind sehr umfangreiche Werke: Es handelt sich um die Erstellung einer Siphon-Leitung in Montorge für 32315 Franken, den Bau der Bisse de la Lienne oder Bisse de Sion für 179084 Franken und die Instandstellung der Bisse de Clavoz für 131310 Franken.

Auf den Suonenbaustellen kämpfen die Befürworter der Modernisierung an mehreren Fronten. Sie müssen insbesondere die Vorbehalte oder Befürchtungen der Gemeinden überwinden, die manchmal zögern die hohen Investitionen zu tätigen, die für die Sanierungsarbeiten erforderlich sind. Aus diesem Grund werden ein Teil der Suonenvergrösserungen oder wichtige Neubauten von den Gemeinden selbst übernommen und durchgeführt.

Zusätzlich wird die Nutzung des Wassers erweitert. Neben der traditionellen Rolle der Bewässerung der Wiesen folgt man mehr und mehr dem Beispiel von Sitten, bewässert die Reben und bald auch die neuen Obst- und Gemüsekulturen, die sich stark entwickeln.


Savièse, 1932 © H. Müller, Meliorationen

Die Ära der Tunnel


Nach dem Ersten Weltkrieg wird ein weiteres Renovierungsprogramm lanciert. Am 14. Mai 1928 verlangt Karl Dellberg, der sozialistische Grossrat aus Brig, vom Staatsrat eine Subventionierung des Unterhalts der Suonen. Diese Suonen haben 20 Millionen gekostet, und deren Unterhalt kostet jährlich rund zwei Millionen Franken.

Im Namen der Regierung lehnt Staatsrat Maurice Troillet eine Beteiligung des Staates am Unterhalt aus rechtlichen, technischen und finanziellen Gründen ab. Er vertritt die Meinung, dass dem Wiederaufbau verfallener Leitungen der Vorzug zu geben ist.

Im Jahre darauf, 1929, wird die Verbesserung der Bewässerungsbedingungen aber in den Plan zur ganzheitlichen Intensivierung der landwirtschaftlichen Kultur integriert. Der Wunsch, die Landwirtschaft an die aktuellen Marktbedingungen anzupassen, zieht eine Spezialisierung nach sich. Neben dem Obstbau und den Gemüsekulturen werden Viehzucht und Milchwirtschft zu tragenden Säulen der landwirtschaftlichen Entwicklung.

Alles hängt miteinander zusammen. Die Berufsbildungsprogramme, die Entsumpfung der Rhoneebene, das Strassennetz, das Berg und Tal verbindet, sollen zu einer Ertragssteigerung in der Landwirtschaft führen. Die Regierung ist der Meinung, dass diese Steigerung nicht herzubringen sei, ohne dass den Landwirten die Mittel zur Verfügung gestellt werden, um ihre Güter rationell und methodisch bewässern zu können.

Um die Umstellung zu beschleunigen, schlägt die Regierung eine Subventionierung von 30% an die gewöhnlichen Arbeiten und eine solche von 40% für Tunnelbauten vor. Bei gleich bleibender Bundeshilfe hätten die Gemeinden und die Geteilschaften noch 40% der normalen Kosten und 20% der Tunnelbauten zu übernehmen.

An die zwanzig Projekte, mit einer Totalinvestition von 11 Millionen Franken, werden eingereicht. Auf der Liste sind 15 Tunnels vorgesehen, denn diese sichern die grössere Durchflussmenge, die Kontinuität der Wasserführung und vermindern die jährlichen Unterhaltskosten. Zu den wichtigsten gehört der Tunnel von Châtelard unter Lens mit geschätzten Kosten von einer 1000000 Franken, der das ehrgeizigste Projekt darstellt, während der geplante Tunnel durch das Riederhorn zwei Suonen ersetzen würde, die die Gebiete Martisberg Betten, Greich, Goppisberg, Filet, Ried-Mörel und Möbel bewässern.

Savièse wünscht sich einen Tunnel durch den Prabé, der die spektakuläre Bisse du Torrent Neuf ersetzen soll. Er würde einen kontinuierlichen Betrieb sichern, die Wassermenge erhöhen und die auf 12000 Franken geschätzten jährlichen Unterhaltsarbeiten verringern, sowie die Abholzung der Wälder, die für die Erneuerung des Holzes der Rohrleitungen genutzt werden, reduzieren.

Die Beteiligung des Staates beschränkt sich nicht nur auf finanzielle Beiträge an den Bauvorhaben. Aus verschiedenen Gründen überwacht er auch den Betrieb. Er genehmigt die Bewässerungsreglemente, welche die Geteilschaften oder die Gemeinden vorlegen. Bezeichnend ist der Anstieg der Registereinträge. Zwischen 1909 und 1919 homologiert der Staatsrat bloss 12 Bewässerungsreglemente, zwischen 1920 und 1929 sind es 81 und zwischen 1930 und 1935 deren 72.



Im Dienste der industriellen Landwirtschaft


Nach 1945 beginnt eine neue Etappe der Modernisierung. Der Staatsrat rechtfertigt sie so: Der Zweite Weltkrieg hat aufgezeigt, welche wichtige Rolle die Landwirtschaft zur Bewahrung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit unseres Landes einnimmt.

Der Übergang von der Berieselung zur Beregnung erfordert einen Umbau der Leitungen und die Schaffung von Sammelbecken. Um die grosse Anzahl Projekte mit 30% mitzufinanzieren, spricht der Staatsrat einen Kredit von 3 Mio. Franken. Am 7. Juli 1946 ratifiziert das Walliser Volk diesen Entscheid. Mittlerweile beschleunigen sich die Veränderungen. Schon im Mai 1947 wird der Grosse Rat aufgerufen, ein Dutzend Projekte finanziell zu unterstützen.


Lentine, Savièse, 2009 © Martin Fardey, SHVR, 2009

Niedergang und Wiederaufleben der Suonen


Nach 1940 nimmt der Bestand der Walliser Viehherden ab. 1941 zählte man noch um die 70000 Tiere, 1956 vermindert sich diese Zahl auf 60000, und 1966 sind es noch 50000, dann 1969 nur mehr 40000 Tiere. „Das ist der Niedergang des ländlichen Wallis“, schreibt Cyrille Michelet, Direktor des Kantonalen Milchproduzentenverbandes. Der fortschreitende Wegfall der Viehzucht in manchen Regionen zieht eine Umwandlung der Wiesen in Intensivkulturen wie Erdbeeren, Reben und Obstgärten nach sich… Dadurch verlieren aber nicht alle Wasserleitungen ihre Berechtigung. Mancherorts werden sie sogar ausgebaut.

Die Bedrohung wird grösser, als in den 70er und 80er Jahren selbst diese intensiven Anbaukulturen zurückgehen und die Suonen mehr und mehr verfallen. Die Modernisierung scheint auch die letzten Zeugen aus vergangenen Tagen zum Verschwinden zu bringen. Doch wider jedes Erwarten erhalten die Suonen neue Unterstützung. Während ihr landwirtschaftlicher Wert abnahm, wurden sie dank der säumenden Wanderwege zu beliebten Ausflugszielen für einen naturverbundenen Tourismus.

Seit den 80er Jahren versucht man die Suonen in die Raumplanung zu integrieren. 1991 gibt der Staatsrat eine Studie in Auftrag mit dem Ziel, einen Überblick über den Zustand, die Nutzung und die Bedeutung der Suonen im sozialen Leben der heutigen Gesellschaft zu geben und eine Strategie zu definieren, welche kantonal und kommunal die Erhaltung und Erneuerung der Suonen ermöglicht.

Gestützt auf diese eher breitgefassten Kriterien, kann das kantonale Inventar der Suonen 1993 insgesamt 190 Wasserleitungen mit einer Gesamtlänge von 760 km auflisten. 1907 hatten alle Suonen noch aus- schliesslich landwirtschaftliche Funktionen. 1993 sind von den 190 erfassten Wasserleitungen noch 165 in Betrieb. 142 davon bewässern Wiesen, 24 Reben, 11 Obstgärten und 9 Spezialkulturen. Die Bewässerung durch Beregnen hat einen hohen Stellenwert eingenommen und betrifft ganz oder teilweise 71 Suonen.

Anderseits dient eine grosse Anzahl der Suonen touristischen Zwecken. 94 Wanderwege entlang von Suonen sind im Wanderwegnetz aufgeführt. Viele bewahrt der Tourismus vor dem totalen Verfall.

Mancherorts wird die Wanderung zu den Suonenüberresten ins feste Tourismusprogramm aufgenommen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Bisse d’Ayent, wo ein einfaches, speziell auf die Touristen zugeschnittenes Programm angeboten wird: Auf Wunsch wird Wasser in die Suone geleitet, es gibt eine didaktische Nachbildung einer überhängenden Passage, ein Suonenmuseum in Anzère usw.

Das kantonale Inventar von 1993 erhebt die Suonen in den Rang eines kantonalen Kulturgutes und ermöglicht dadurch deren Unterhalt und Wiederherstellung finanziell.

Da die Suonen aufgrund ihrer vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten in den Augen einer breiten Öffentlichkeit an Bedeutung gewonnen haben, treten sie nun in eine neue Phase ihrer Geschichte ein. Auf Anregung von Véronique Jenelten-Biollaz und der Vereinigung der Walliser Wanderwege Valrando gibt es Bestrebungen auf politischer Ebene um das Suonennetz in die Liste des UNESCO-Weltnaturerbes aufzunehmen. Das zweite internationale Kolloquium, dessen Beiträge in den Annales valaisannes 2010-2011 unter dem Titel Les bisses, économie, société, patrimoine (Die Suonen, Wirtschaft, Gesellschaft und Kulturerbe) erscheinen, leistete die nötige Vorarbeit zur Gründung der Vereinigung der Walliser Suonen am 15. Oktober 2010, die sich um die Einreichung eines Kandidaturdossiers für die UNESCO bemüht.


Martigny, um 1930 © Charles Paris, MW-My